Paul Henri Thiry d’Holbach: System der Natur

… oder von den Gesetzen der Physischen und Moralischen Welt

Kürzlich gab es auf einer / in einer kleinen Freidenker-Mailingliste eine Diskussion zum Thema „Dialektischer Materialismus“. Einer der Teilnehmer verwies in diesem Zusammenhang darauf hin, das es bereits lange vor unserer Zeitrechnung diese „philosophische Strömung“ existierte. Hierbei verwies er auf die sogenannte „Bibel des Materialismus“ hin – Das System der Natur oder Système de la Nature ou Des Loix du Monde Physique et du Monde Moral – geschrieben von Paul Henri Thiry d’Holbach unter „stilistischer Mitarbeit“ am Manuskript von Denis Diderot zum Ende des 18. Jht. Es wurde auf die beiden digitalen Fassungen hingewiesen, welche über die Webseite der Universität Göttingen zu erreichen und zum Nachlesen zur Verfügung ständen.
Hier fiel mir auf, das es auf dieser Webseite der Universität Göttingen noch weitere sehr lesenswerte digitalisierte historische Werke gibt. Bei Interesse schaut doch mal vorbei.

[jW] Ein Modell der Wirklichkeit

Vorabdruck. Einheit und Widerspruch. Über Theorie und Erscheinung der Dialektik

Von Hans Heinz Holz

In den nächsten Tagen erscheint im Bielefelder Aisthesis-Verlag unter dem Titel »Spectaculum mundi« ein Band mit Schriften aus dem Nachlass des Philosophen Hans Heinz Holz (1927–2011). junge Welt dokumentiert daraus den leicht gekürzten Aufsatz »Dialektik – Theorieform und Erscheinung«. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

[jW] Dialektik entsteht als Theorieform, wo in Sachverhalten Widersprüche, in einheitlichen Gebilden Gegensätze auftreten. Das erste Phänomen, an dem das Problem bewusst wird, ist die Veränderung. Etwas bleibt es selbst und wird zugleich ein anderes, es ist identisch mit sich und zugleich nichtidentisch. Wir erfahren es an unserem Leben. Die bürokratische Äußerung davon ist der Identitätsausweis; er verbürgt, dass ich es bin, aber mein Bild muss alle paar Jahre erneuert werden, um mir zugeordnet werden zu können.

Mit der Identitätsfrage beginnt die Dialektik. Die Einheit von Sein und Werden soll erkannt werden (Heraklit). Für das Denken ist notwendige Voraussetzung das Identitätsaxiom A = A; dagegen ist alle Veränderung nur ein Schein (Parmenides). Also auch die Bewegung (Zeno). Oder vielleicht doch nicht? Kann eine Gedankenkonstruktion Einheit und Andersheit selbst wieder als Einheit darstellen? (Platon

Zuvor war man schon von einer anderen Erfahrung her auf diese Schwierigkeit gestoßen. Die Griechen waren Seefahrer, gründeten Handelsplätze und Kolonien von Spanien bis zum Schwarzen Meer. Wohin man auch kam, es ging immer weiter. Hinter jeder Grenze dehnte sich eine neue unübersehbare Wirklichkeit. Die Säulen des Herakles waren nicht das Ende der Welt, wie der Mythos vorgab. Die Vorstellung von einer endlichen Welt – die flache Scheibe auf dem Ozean – musste dem Begriff von einem unendlichen Ganzen weichen. Die milesischen Philosophen Anaximander, Anaximenes, Hekataios, selbst Seefahrer und Kolonialgründer, wurden von diesem Gegensatz bedrängt. Die ganze Welt kann doch nur eine sein, aber sie zeigt sich in einer Vielheit von Gestalten, Zuständen, Veränderungen. Wissen stößt immer an eine Grenze und geht darüber hinaus, wie der Wanderer an ein Ziel kommt, aber darüber hinaus weiterwandern kann, der Seefahrer an den Bab Al-Mandab, und dahinter öffnet sich die Weite des Indischen Ozeans. Wie ist all das Viele Eines, die unübersehbare Andersheit der Dinge samt ihren Gegensätzen eine identische Welt?

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